Dark ’n Stormy und Royal Bermuda Yacht Club

Das British Empire scheint eine Vorliebe für Highballs gepflegt zu haben. Dem Drink, und das mag eine Rolle spielen, ist recht simpel beizukommen, müssen doch lediglich zwei, vielleicht drei Zutaten zusammengeschüttet werden. Außerdem wohnt ihm etwas Pragmatisches inne, das dem kompromissbehafteten Streben des militärischen Daseins, das Beste draus zu machen, entgegenkommt. Verbindet Gin & Tonic die Notwendigkeit der Malariaprophylaxe durch Chinin mit, well, Gin, vereint Bermudas Nationalgetränk Dark ’n Stormy mit Rum und Gingerbeer eigentlich ausschließlich Angenehmes im Glas. Während der Rum in der Karibik allgegenwärtig ist, bleibt die Frage: Warum ausgerechnet Gingerbeer?

Traditionell verdünnt der Matrose seinen Rum mit Wasser oder gar nicht. Das Proof-System ist einzig zum dem Zweck eingerichtet, dem Seefahrer die richtige Alkoholmenge zuzubilligen. Brennt das Feuerwasser, hat es 100 proof und der Fahrensmann weiß, es ist nicht schon verwässert, bevor er seine Ration erhält. So einfach könnte das sein, bräuchte es keinen Alkoholgehalt von 57 Vol.-%, um Gemische entflammen zu lassen. Das war irgendwem in den USA eine zu krumme Zahl, wenn auch sonst imperiale Maßeinheiten wenig auf Umrechnungskompatibilität geben. 55 Volumenprozent sollten es sein. Da das, selbst bei nur flüchtiger Betrachtung, immer noch nichts bringt, fiel die Wahl auf 50 Prozent. Dass diese Willkür das System überflüssig macht, scheint ob der stolz auf Flaschen prangenden Proof-Werte nichts zu zählen. Dem geneigten Seebären oder Spirituosenkäufer bleibt wenig, als auf die Volumenprozentangabe zu schauen oder aber den Aufdruck Navy Strength zu suchen.

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Sturm im Highballglas: Dark ’n Stormy aus Rum (dunkel) und Gingerbeer (stürmisch).

Im 19. Jahrhundert brannte der Zuckerrohrbrand noch zuverlässig (im Becher wie auch in der Kehle), der Gin ebenso. Für den Matrosen war die Welt in Ordnung – getränkemäßig. Allein gegen den Durst hilft’s wenig. Dafür gibt es Wasser, und der Alkohol hilft gegen die Keime darin. Geschmacklich ist abgestandenes Wasser nach Tagen auf See, versetzt mit einer Prise Salz kein Vergnügen. Für den Matrosen war die Welt also doch nicht in Ordnung – getränkemäßig. Viel besser als Wasser war Gingerbeer. (Die Regel gilt noch heute.) In Großbritannien erfreute sich das Ingwergebräu schon größter Beliebtheit, bevor es vom Festland ablegte. Rund 3000 Brauereien zählte man im Königreich, und tatsächlich wurde das Beer gebraut, sodass es auf etwa 11 Vol.-% (19 bzw. 22 Proof) kam. Das Leben konnte so schön sein.

Damit es das nicht nur auf Nordsee und Atlantik war, exportierte das Empire Gingerbeer auch zu seinen karibischen Häfen. So fand es seinen Weg nach Bermuda. Im Bestreben, seine Matrosen bei der Arbeit nüchtern zu halten, errichtete die Navy am Royal Naval Dockyard eine eigene Abfüllanlage für Ingwerbier. Keine halben Sachen machend stellte die Navy hier alkoholfreies Gingerbeer her – 0 Proof. Das war der Moment, wo jemand in der Royal Navy dem Establishment Fuck you! sagte und einen Highball kreierte.

Dark ’n Stormy

6 cl Gosling’s Black Seal
10 cl Gingerbeer

Viel Eis in ein Highballglas geben. Für einen Farbeffekt: Ingwerbier einfüllen und Rum daraufschichten. Nach Geschmack mit Limettenstück garnieren. Wer sich nicht um die farbliche Zweiteilung schert, muss seinen Drink danach nicht umrühren und behält mehr Kohlensäure.

Der Dark ’n Stormy wurde so nicht nur das Lieblingsgetränk der Menschen auf Bermuda, er wurde auch zum einzigen(?) Drink, der mit einer Trademark belegt ist. Rumhersteller Gosling’s hält daran die Namensrechte, sodass jeder, der gewerblich einen Dark ’n Stormy mixen will, verpflichtet ist, Gosling’s Black Seal zu benutzen. Das ist nun nicht schlimm, denn der Rum ist gut. Wer nur zum Privatvergnügen highballt oder sich besonders rebellisch fühlt, darf gerne rumprobieren. Ein bisschen Ironie steckt allerdings doch in der Geschichte des dunklen und stürmischen Markeneintrags, so verdankt Gosling’s seine Existenz einem Zufall. Das Schiff seines Gründers schaffte es nicht bis zum amerikanischen Festland und legte deshalb in Bermuda an – der Grund war zu wenig Wind.

Royal Bermuda Yacht Club

Vom Royal Naval Dockyard betrachtet auf der anderen Seite des Great Sound, jener runden Bucht, die von den Bermuda-Inseln eingeschlossen wird, liegt der Royal Bermuda Yacht Club. Wiewohl eine private Einrichtung, wurde der Club gegründet on the 1st November, 1844 by a party of thirty gentlemen, consisting largely of officers in the British Army. (Wer hier noch „thirsty gentlemen“ gelesen hat, mag das in den Kommentaren vermerken.) In der Welt des Segelsports ist der RBYC bekannt, in der Cocktailszene sollte er es auch sein, denn der Clubdrink ist ganz hervorragend. Die Anvil Bar in Houston führt ihn auf ihrer Liste der 100 Drinks, die man probiert haben sollte.

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Hamburg in Oktober: Royal Bermuda Yacht Club im Sonnenschein statt im Hurrikan.

Obwohl Club- oder Hauscocktails immer etwas Besonderes sind, spiegeln sie doch den Charakter einer Bar und müssen ihrem Ruf und Ansehen genügen, zeichnet den Royal Bermuda Yacht Club ebenso die Wahl des Rums aus. Ganz dezidiert wird Rum von Barbados und nicht etwa Bermuda verlangt – und diesmal nicht aus rechtlichen Gründen.

Royal Bermuda Yacht Club

5 cl Barbados Rum
2 cl Limettensaft
1,5 cl Falernum
1 cl Cointreau

Limettenzeste oder -Rad

Limetten rollen und auspressen. Zutaten kräftig auf Eis shaken, in eine Coupette oder ein Martiniglas abseihen. Garnieren.

Mit Rum und Limette liest sich das Rezept als klare Abwandlung eines Daiquiri. Was ihn davon abhebt, ist zum einen die Süßung mit Falernum und Cointreau, die würzige Frische und Orangennoten mitbringen. Zum anderen der Rum. Statt auf weißen Rum beschränkt zu sein, gibt es die volle Auswahl barbadischer Erzeugnisse. Der Plantation Barbados XO macht sehr viel Spaß und ist nicht teuer. Wer dem Diktum „zu schade zum Mixen“ nicht folgt, findet zudem einiges etwa bei Mount Gay oder Doorly’s. Und dem Diktum sollte niemand folgen, denn hier strahlt das volle Rumaroma im Drink, und die Basis ist die falsche Stelle, um knausrig zu sein. Ein einfacher Mount Gay Eclipse schmeckt hier auch, keine Frage, aber ein lange gereifter Rum mit komplexen Aromen macht den Royal Bermuda Yacht Club zu einem wirklich positiven Erlebnis. Da fühlt sich Hamburg im Oktober dann auch ein wenig nach Karibik an.

Royal Bermuda Yacht Club Cocktail

Image Credits: Patrick Schlieker.

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