Leichter gesagt als getan: Gut trinken

Servile Annotate eines Hilfstrinkers

Prolog
Es beginnt mit Milch. Ganz langsam weitet sich das Repertoire. Es dienen sich hohe Festlichkeiten als Anlässe an: ein Schluck Wein zur Hochzeit elterlicher Freunde; da hast du eine Klassenarbeit punktgelandet, in Oberstufenjahren: der Vater holt einen staubigen Cognac hervor; Volljährigkeit mauert an das Fundament deiner Trinkfähigkeit Ziegel an. Das in Studienjahren sogenannte Lieblingsbier ersäuft mögliche Trinkerfahrungen in Ritual und Routine, bis der richtige Freund und Lehrmeister in dein Leben tritt: in meinem Falle der Schöpfer dieser Internetseite.

Exkurs Milch
Unsere Gesellschaft ächtet das oder applaudiert dem, was in einen Menschen hineinkommt, stark; das, was aus ihm dies betreffend herauskommt, findet hingegen seltener eine Rubrik. Ein Essens- oder Trunktabu kann sich zu einem wochenlangen Feuilleton aufblähen, die Heiligkeit tierischen Lebens erfährt so Remonstranzen beinahe jedes Jahr. Ich warte mal auf ein laut stürzendes Tabu, Erdbeerbeben: Es sorgt mich keinesfalls, daß Milch zustandekommt, wenn Kühe betrogen werden. Mich sorgt, daß so unfasslich selten erwähnt wird, wie langweilig die meiste Milch derzeit schmeckt. Wir homogenisieren und pasteurisieren einen wahren Lebenssaft katarrhpulten aus unserer Wahrnehmung. Wir entfetteten, was wir konnten.

Hat man wie ich einen schönen Wochenmarkt in der Nähe, mit regionalem Angebot, vielleicht sogar mit einem mutigen Biobauern, der seine frisch gemolkene Milch nur schnell kaltschlägt und dann an mutige Leute wie mich gleich dort verkauft, dann steht einer Zeitreise in die Kindheit nur noch die Unverträglichkeit im Wege. Viele meiner Bekannten scheint diese Rohmilch direktemang auf den Abort zu schicken.

Das Extrem ist die Milch, die ich einmal als Kind auf einer Wanderung von Altdorf nach Engelberg zu Beginn des Abstieges bei einem waschechten Almbauern getrunken habe: sämtliche Düfte der Gebirgswelt, all die hundert artgeschützten Kräutlein dort oben fanden sich darin wieder. Wenn diese Kühe um ihrer Milch willen missbraucht wurden, frage ich mich, wo ich damals bei diesen verspielten und neugierigen Viechern dies hätte erkennen können: eine nur durch Feuilletonisten herbeigewaberte innewohnende Depression?

Eine (Dolce) Vita

Gut Trinken: Milch, (Malz-)Bier & Wein

Trinkbares selbdritt: Milch, (Malz-)Bier & Wein

Es begann also alles mit Milch. Kindern wird aus vieldiskutierten Gründen Alkohol vorenthalten. Recht so! Verabreichst du ihn ihnen, seichen sie deine Innenstadt voll. Den Kindern allerdings den Gaumen mit jenen übersüßen Weichgetränken auf Dauer zu veröden, ist fatal.

Ich durfte in Bamberg einen Teil meiner Kindheit verbringen, und was dort Sitte war, ließe sich heute nicht mehr fortführen: Kinder durften am väterlich Sajdla nippen; nicht oft, aber das prägte. Zur Stillung ernsthaften kindlichen Durstes gab es was noch Besseres. Die unzähligen Brauereien in dieser schönen Stadt brauten Malzbier! Einige hopften es sogar. Es war alkoholfrei oder sehr arm daran, aber schmeckte erwachsen, hatte Charakter, prägte. Zu Weihnachten gab es eine besonders kräftige, dunkle Variante; Bis heute glaube ich kein besseres Begleitgetränk zu Schokolade gefunden zu haben. Vergaß ich zu sagen, daß es nicht sehr süß schmeckte; die erste Cola, viel später im Leben, war ein Schock.

Den ehrenwerten Schöpfer dieser Seite beneide ich um eines seiner Kindheitsgetränke: die Erdmandelmilch oder Horchata. Mich suchte nach dem Verlassen Bambergs im Alter von fünf Jahren nur noch die bis heute bestehende Seuche der Süßgetranke heim. (Die überregionalen Malzbiere habe ich nie leiden mögen.) Glücklicherweise ließen mich meine Eltern immer von allem probieren, was sie selbst tranken, so verblödete ich in jener Hinsicht kaum.

Meine nächste eigene große Entdeckung sollte der Tee sein. Mein gemeinsamer Weg mit diesem Wunder menschlicher Erfindergabe ließe sich hier nur äußerst prologhaft wiedergeben. Da setze ich erstmal nur ein Fazit: Tee verlangt von seinem Konsumenten einiges. Der Teeliebhaber muss lernen: die Zubereitung, das Geschirr, das Ritual. Einführungen, die alle Arten von Tee berücksichtigen und dies so tun, daß der Leser nicht nur Leser bleibt, sondern zum Trinker wird, kenne ich nicht. Mir hat da geholfen, sehr früh zu beginnen und alles selbst herauszufinden. Teekultur findet sich auf der ganzen Welt. Alles hat seine Berechtigung, was je unternommen wurde, um den Segen jener getrockneten Blätter in ein Getränk hinüberzuführen; außer die abscheuliche Variante, dies mittels einer dieser modernen Kaffeemaschinen zu tun. Nein. Es mag noch so furchtlos in deren Beibüchern behauptet sein.

Kaffee trat in mein Leben, als ich es für sinnvoll hielt, zittrig und nervös die gymnasiale Oberstufe zu bestreiten. Wir erleben Zeiten und Generationen, die Brühwichte, Baristas genannt, an die Oberfläche jener seimigen Plörre Prominenz heben. Mir leuchtet da nur die Ähnlichkeit jener Feuchtigkeiten zueinander ein.

Eine Durchschnittsbiografie meiner Generation sieht vor, daß mit sechzehn Jahren Alter eine vorsichtige Heranführung an alkoholische Getränke stattzufinden hat. Wie erwähnt hatte ich liquiliberale Eltern, die mediterranen Glaubens, mir immer wieder schluckweise jene Getränkewelt eröffneten und dies schon sehr viel früher.

So muss ich mich, um von Entwicklungen schreiben zu können, dann von elterlichen Einflüssen entfernen.– Ja aber wann trank ich das erste mal allein?– Es ist sehr schwer, ein genaues Alter festzumachen. Auf Schulfeten wurde zu meiner Zeit nicht viel oder gar nichts Alkoholisches getrunken. In Wirtshäuser, Bars, Discotheken ging ich erst als Student: Es wird ein gelegentliches Bier hier und da gewesen sein; Wein kredenzte der Vater ritualen zur von Neugierde und Passion geprägten häuslichen Küche.

Von den Bieren dieser Zeit kann ich sagen, daß sie mich nie nachhaltig beeindruckten, nachschmerzlich berückten wohl, aber nie stellte sich diese derartige Befriedigung ein, die ich von heutigen Bieren der jungen Brauergeneration kenne, mögen sie Craft-Biere heißen oder von anderwärtigen Toftschen Genien inspiriert sein: Wir leben in der besten aller Bierzeiten!

Während die ZeitgenossInnen sich also die Papillen kauterisieren mit Mischgetränken – das klassische Gespritzte war schon seinerzeit ein abscheulicher Modernismus. (Warum gerieten leichte und dünne Biere nur in Vergessenheit?) – Während sich das Pack zu Unrecht besser Verdienender von Trendbrühe zu Hypefeucht schlürft – solch flüssiges Weltende wird in Frankensteinscher Manier von Ageusieopfern und Burgerkettenabonnenten in Petrischalen herbeihomunkuliert – während also alles seinen Gang in übliche Irren geht, versuche ich mir zurechtzuerinnern, wie das bei mir mit dem Wein war.

Gut Trinken: Lektion 12 – verinnerlicht!

Lektion 12: verinnerlicht!

Des Guten zu viel – ein Essay ganz für sich allein – kam so in den Jahren um das Abiturium auf mich hernieder. Ein Klassenkamerad war paulushaft zum Wein gekommen und teilte diese manifeste Wahrheit gerne mit mir. Er renommierte sein Taschengeld zum örtlichen Spitzenweinhändler und gab großer Gesten Gästen wie mir tüchtig ins Glas. Lehrsätze aus jener Zeit: »Weißweine aus dem Burgund sind unterschätzt.« und »Unsere Weine hinken den ausländischen arg hinterher.« –
Naja. Soetwas lallt sich recht gut, nach der dritten Flasche so arg unterschätzten Weines: Im Wein liegt Wahrheit, aber niemand hat mir bisher nachweisen können, daß sie sich auch dem Trinker mitteilt.

So saß ich also mit dem richtigen Glas, gefüllt mit Wein von Freundes Gnaden in der Hand unter zierecht gepflanzter Wildweinpergola und erdilettierte mir einen Gaumen, auf den ich mir heute nichts mehr einbilde. Zu viel des in diesen Jahren Ertrunkenen war nur halb hingeschmeckt, zurechtdiskutiert, und weil ich niemals auch nur auf den Gedanken kam, mir Erlebtes zu notieren, sitze ich jetzt ratlos da: wieso fällt mir kein einziger dieser Weine mehr ein?

Ein Affinement meines Gaumens mußte stattfinden. Mein Schicksal hatte dies wohl bestimmt. So trat Miguel Montfort neben mich und unter seiner weisen Führung begann das Abenteuer, das Evelyn Waugh in Brideshead Revisited seinen Figuren Charles und Sebastian schenkte: Wir beide erschmeckten uns eine gemeinsame Welt.

Abende lang zu trinken und sich Erinnerungen an das Getrunkene zu bewahren ist mühevoll, wenn man so konstituiert ist wie ich, also allzu gerne trunken wird. Miguel verpflichtete mich, seit er dies bemerkte, wenigstens im Moment des Genusses zur Versprachlichung. (Ich bin gottfroh, daß nie ein Tonband mein Gestammel jener Sitzungen einfing.) Diese Methode ließ mich mitsamt der gefundenen Sprache auch die Tatsächlichkeiten erinnern, und er selbst hatte sehr bald Repertoire und Vokabular zur Vollendung gebracht; will sagen, was er nicht probiert hat, muss von Laurin persönlich in verborgenstem Wingert bis aufs Blut verteidigt sein; was er nicht herausschmecken kann, spielt nur im subatomaren Bereich eine Rolle.

Epilog
Ansuff, Aufsuff, Zusuff, Absuff – Es waren die späten Jahre des Studiums, die mich meiner Region näherbrachten. Es ist mein großes Glück, im Badischen zu leben. Ich muß nun nur aufs Fahrrad steigen und bin in zwei Stunden bereits bei vielen großartigen Winzern, und um viele Entdeckungen vor meiner Wohnungstür weiß ich noch nicht einmal.

Taufe, Firmung, Abiturium, die gesamte Studienzeit, Hochzeiten, des Werktätigen Feierabendsuff, der Lebensabende flüssiges Sentiment, der letzte Schluck … All dies kann dem Einzelnen zum bloßen Konsumentenschicksal werden. Will sich allerdings der Weise aus diesem Rad des Fehllabens befreien, darf er hier auf dieser Seite der Hoffnung begegnen. Die Werbung preist an, der Handel preist aus: Hier wird nur getrunken und darüber geschrieben.

Image Credits: Wikimedia Commons, Sandro Sebastian Leusch.

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