Hello World!

Die »Positive Drinking«-Premiere: Ein Praeambulum ganz ohne Premium-Pullen, ohne Pomerol-Pomp (was, kein Petrus?), dafür mit Petit Verdot und Prieto Picudo aus Spanien, genauer zwei Vinos de la Tierra de Castilla. Wie konnte es nur dazu kommen?

Schuld daran, nun ja, verantwortlich dafür – mal wieder! – war der Weinhändler meines Vertrauens in Alicante (jeder sollte, und nicht nur in Alicante, Weinhändler seines Vertrauens haben, fünf bis zehn pro Herkunftsland sind ideal), Juan José Sellés Pérez. Seit ich sein Geschäft in Steinwurfweite des Mercado Central vor knapp acht Jahren (und eher durch Zufall) entdeckt habe, beschaffe ich mir hier den interessanteren Teil meiner Ferienboitüre und ein paar Bouteillen zur Vertiefung in heimischer Umgebung. In den meisten Fällen greife ich nach Weinen aus autochthonen Rebsorten mir unbekannter Bodegas, in anderen kaufe ich schamlos nach Etikett. Ja, das gibt’s (ich: Lektüre des Kontraetiketts, Mademoiselle: nach Gestaltungswillen und -vermögen des Grafikers)!

Diesmal sollten es Weine aus dem spanischen Süden werden, etwas von Rocio Áspera und Alejandro Narváez oder Ramiro Ibáñez, aber … nada, Fehlanzeige. Es ist leider so, dass der alicantino kaum südlicher als Murcia trinkt, »und Sherry geht noch nicht mal an Weihnachten« (ein paar Flaschen der Bodega Ximénez-Spinola findet man hier aber nach wie vor, ¡olé!).

»Wie wär’s damit?« – der Weinhändler meines Vertrauens schwenkt zwei Flaschen mit recht zeitgeistigen (niedlich! süß!) Etiketten, die ich natürlich(!) mitnehmen musste. Kostenpunkt pro Flasche (bedauerlicherweise waren nur zwei der drei Weine dieser Serie vorhanden): palliative € 3,80.

Hello World!

Petito & Picudín, picknick- und partytauglich.

Die Weine, die von dem nicht eben kleinen Gut Finca La Estacada stammen, sehen aus, als wären sie für die lieben Kleinen entworfen worden, und tatsächlich tragen die Rebsorten-Maskottchen auf dem Etikett auch Namen: Das Fröschchen heißt „Petito“ (Petit Verdot), das Adler-Küken „Picudín“ (Prieto Picudo) und die kleine Eule „Franki“ (Cabernet Franc, wer hätte das gedacht?). Und weil die Finca nicht nur ein Weingut, sondern auch (laut Eigenwerbung) ein ganzer »önotouristischer Komplex« ist, tauchen die possierlichen Tierchen auch in einer didaktischen Ausmalbroschüre für die mitbesuchenden peques (Kindlein), der in Sachen Wein anderweitig beschäftigten Elternschaft auf.
Ein anderes interessantes, wenn nicht sogar das Ausstattungsdetail: der Verschluss. Mir ist so ein Korken bisher nicht untergekommen. Die „Innovation aus Kork und Glas“ nennt sich „Helix“ –

Das neue Konzept mit dem „Twist“ kombiniert einen ergonomisch geformten Korkverschluss mit einer Glasflasche, deren Hals innen mit einem gewindeartigen Profil versehen ist. So entsteht eine gleichermaßen leistungsfähige wie raffinierte Verpackungslösung. HELIX verbindet die Vorteile der beiden Materialien Kork und Glas: Qualität, Nachhaltigkeit und die Premium-Anmutung vereinen sich mit maximaler Convenience – einschließlich der Wiederverschließbarkeit der Flasche. [Quelle]

– und die Jungs der Finca La Estacada, sind in Europa die earliest adopters. Nicht schlecht!

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Ein Etikett sagt mehr als 1000 Worte.

Was erwartet den geneigten, ob so viel Raffinesse und sophistication äußerst positiv gestimmten Weinfreund für knapp vier (im Onlineshop der Bodega nicht einmal dreieinhalb) Euro? Zwei extrem moderne (Reinzuchthefen? auf jeden Fall Holzchips! – the horror!), verblüffend gut gemachte Weine! Echte „Feierbiester“ (Gabriele Heins dixit – bis gestern war mir der Ausdruck, eigentlich unfassbar, nicht geläufig) mit üppiger (Prieto Picudo, 13,5 Vol.-%) und noch mehr (Petit Verdot, 14 Vol.-%) Primärfrucht (jede Menge Kirsche plus Beerenkompott, Fruchtsüße bis dort hinaus), „Picudín“ mit einem zarten Bitterton im Finish, „Petito“ mit dem Extradeka Würzigkeit, beide mit sehr sauber integrierter Säure: Picknick- und Grilladenpotenzial satt! – erst recht, wenn wie der Produzent empfiehlt, die „Hello World“-Weine mit kühlen 12 bis 14 °C im Glas landen. Der Sommer ist noch lange nicht vorbei!

Kleiner Grünling – Exkurs Petit Verdot:

Die vermutlich exotischste bordelaiser Rebsorte, die meines Wissens dort solistisch so gut wie gar nicht auf Flaschen gezogen wird (die Ausnahme dürfte Dominique Léandre-Chevaliers „100% ProVocateur“ sein), aus Restfrankreich habe ich bisher nur den Petit Verdot der Domaine Preignes le Vieux versucht (muss man nicht dringend wiederholen …). In Spanien gedeiht die Rebsorte verblüffend gut, der Petit-Verdot-Pionier Carlos Falcó, Marqués de Griñon, hat sie wohl als erster (1991) „offiziell“ angebaut und war auch der erste, der einen 100-%er unters Volk brachte (1994). Recht früh dabei war auch das Weingut Abadía Retuerta, dessen 1999er PV einschlug wie eine Bombe (preislich ist er das bedauerlicherweise auch!) und Jancis Robinson seinerzeit zu bemerkenswerten Lobeshymnen animierte. Vier bis fünf Jahre später macht dann die Bodega Arrayán mit ihrem monovarietal auf sich aufmerksam, den ich zum ersten Mal als 2005er versucht habe (sehr schön!). Weitere gute Erzeuger: Enrique Mendoza (den PV scheint es hierzulande leider nicht mehr als joven zu geben) und der Rosé von Pago del Vicario, der farblich einem kräftigen Pinot noir aus dem Elsass ähnelt.

Image Credits: Patrick Schlieker.

2 Kommentare zu “Hello World!

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